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Speisekarte gestalten: Die Psychologie hinter Preisen, Beschreibungen und Platzierung

Wie Sie Ihre Speisekarte so gestalten, dass Gäste mehr bestellen — Preisanker, Beschreibungstechnik, Blickverlauf und die Fehler, die Umsatz kosten.

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Speisekarte gestalten: Die Psychologie hinter Preisen, Beschreibungen und Platzierung

Sie haben ein gutes Schnitzel. Vielleicht sogar ein sehr gutes. Aber auf der Karte steht: „Wiener Schnitzel mit Pommes — 18,90 €”. Daneben, in derselben Schrift, derselben Größe, demselben Abstand: „Currywurst mit Pommes — 9,50 €”.

Was bestellt der Gast? In den meisten Fällen: die Currywurst. Nicht weil sie besser ist. Sondern weil Ihr Schnitzel auf der Karte verliert — gegen die eigene Darstellung.

Die Speisekarte ist das einzige Verkaufsinstrument, das jeder Gast liest. Kein Kellner spricht jeden Tisch an, kein Social-Media-Post erreicht jeden Besucher. Aber die Karte liegt auf jedem Tisch. Und die meisten Gastronomen verschenken genau hier Geld — nicht weil die Gerichte schlecht sind, sondern weil die Karte schlecht verkauft.

Was die Forschung zeigt — und was Gastronomen daraus machen können

Der Blickverlauf: Wo Gäste zuerst hinschauen

Eyetracking-Studien zeigen: Gäste lesen Speisekarten nicht wie ein Buch (links oben nach rechts unten). Stattdessen gibt es ein typisches Muster:

FormatErster BlickZweiter BlickLetzter Blick
EinseiterMitteOben rechtsUnten links
Zweiseiter (Klappkarte)Rechte Seite obenLinke Seite MitteLinke Seite unten
DreiseiterMittleres Panel obenRechtes PanelLinkes Panel

Was das für Sie heißt: Ihr margenstärkstes Gericht gehört dorthin, wo der Blick zuerst landet. Nicht Ihre Vorspeisen (die stehen traditionell oben links — der Ort, den der Gast zuletzt bewusst wahrnimmt).

Die goldene Dreieck-Regel

Bei einer zweiseitigen Karte wandert der Blick in einem Dreieck:

  1. Start: Mitte rechts (hier steht idealerweise Ihr Star-Gericht)
  2. Weiter: Oben rechts (hier der Preisanker — das teuerste Gericht)
  3. Dann: Oben links (hier die Kategorie-Überschrift oder ein Signature Dish)

Alles, was unten links steht, wird statistisch am seltensten gelesen. Platzieren Sie dort Gerichte, die ohnehin Selbstläufer sind (Standardpasta, Tagessuppe) — nicht Ihre margenstarken Gerichte.

Preisgestaltung: Wie Zahlen die Wahrnehmung steuern

Preisanker setzen

Der Preisanker ist das teuerste Gericht einer Kategorie. Er wird selten bestellt — das soll er auch nicht. Seine Aufgabe ist eine andere: Er verschiebt die Wahrnehmung aller anderen Preise nach unten.

Beispiel Hauptgerichte:

GerichtPreisFunktionWareneinsatz
Dry-Aged Rinderfilet mit Trüffel-Jus39 €Preisanker38 %
Kalbsschnitzel „Wiener Art” mit Kartoffelsalat24 €Margenbringer (wirkt günstig neben dem Anker)26 %
Saisonales Risotto mit geröstetem Gemüse18 €Einstieg22 %

Ohne das Rinderfilet wirkt das Schnitzel für 24 € teuer. Mit dem Rinderfilet wirkt es wie ein gutes Angebot. Und genau das ist die Idee. Die Grundlage dafür ist eine saubere Preiskalkulation — denn nur wer den Wareneinsatz pro Gericht kennt, kann den Deckungsbeitrag als Entscheidungsgrundlage nutzen.

Regeln für wirksame Preisanker:

  • Der Anker muss plausibel sein. 59 € für einen Burger schreckt ab — das ist kein Anker, das ist ein Witz
  • Der Anker sollte real bestellbar sein und gut schmecken. Wenn ihn jemand bestellt, muss das Erlebnis stimmen
  • Abstand zum Margenbringer: 40–60 % Preisdifferenz wirkt optimal. Bei weniger als 30 % Unterschied verliert der Anker seine Wirkung

Preise, die nicht nach Preisliste aussehen

TechnikBeispielWarum es wirkt
Kein Eurozeichen24 statt 24 €Reduziert die „Schmerz”-Assoziation mit Geld um ca. 8 % (Cornell-Studie)
Keine Punktlinie zum Preis„Wiener Schnitzel ………… 24 €” → falschPunktlinien machen die Karte zur Preisliste — der Gast vergleicht nur noch Zahlen
Preis direkt nach der Beschreibung„Wiener Schnitzel mit hausgemachtem Kartoffelsalat und Preiselbeeren 24”Der Preis verschwindet im Textfluss
Gleiche SchriftgrößePreis nicht kleiner oder dünner setzenAuffällig kleinere Preise wirken, als hätten Sie etwas zu verstecken
Keine PreisspaltePreise nicht rechtsbündig untereinanderVerhindert, dass der Gast von oben nach unten nur Preise scannt

Psychologische Preispunkte

PreisbereichBesserSchlechterWarum
Unter 10 €8,509,909,90 wirkt wie „fast 10 €” — 8,50 wirkt klar unter 10
10–20 €1615,90Im Mittelpreissegment wirken glatte Zahlen hochwertiger
Über 20 €2423,99Centbeträge wirken im gehobenen Segment billig

DACH-Besonderheit: In Deutschland wirken ,99-Preise in der Gastronomie deutlich negativer als im Einzelhandel. Der Gast liest ,99 als „die versuchen, mich über den Tisch zu ziehen”. Runde Preise oder ,50 signalisieren Selbstbewusstsein.

Beschreibungen: Wie Worte den Geschmack verändern

Der Beschreibungseffekt

Forschungsergebnisse aus dem Bereich Food-Psychologie zeigen: Beschreibende Gerichtnamen steigern den Absatz um bis zu 27 % — und die wahrgenommene Qualität. Das gleiche Gericht schmeckt den Gästen besser, wenn es gut beschrieben ist. Kein Witz. Das ist der Halo-Effekt: Wer Qualität liest, schmeckt Qualität.

StattBesserWarum
TomatensuppeLangsam geschmorte Tomatensuppe mit Basilikum und geröstetem KnoblauchSensorische Sprache: „langsam geschmort”, „geröstet” — der Gast riecht und schmeckt beim Lesen
Hähnchenbrust mit ReisSaftige Maishähnchenbrust auf Jasminreis mit Limetten-Koriander-ButterHerkunft (Maishähnchen), Zubereitungsart (saftig), Komposition (Limetten-Koriander)
SchokoladenkuchenWarmer Schokoladenkuchen mit flüssigem Kern und Bourbon-VanilleeisTemperatur (warm), Textur (flüssiger Kern), Sorte (Bourbon-Vanille)

Die fünf Beschreibungshebel

HebelBeispielWirkung
Herkunft„Allgäuer Bergkäse”, „Schwarzwälder Schinken”Erzeugt Vertrauen und rechtfertigt den Preis
Zubereitungsart„Sous-Vide gegart”, „im Steinofen gebacken”Signalisiert Aufwand und Handwerk
Sensorische Sprache„cremig”, „knusprig”, „rauchig”, „buttrig”Aktiviert Geschmacksvorstellung beim Lesen
Geschichte/Kontext„nach dem Rezept unserer Großmutter”, „nur im Herbst verfügbar”Erzeugt emotionale Bindung und Exklusivität
Komposition„auf einem Bett von …”, „begleitet von …”Wertet Beilagen auf und erhöht die wahrgenommene Komplexität

Wann Beschreibungen schaden

Nicht jedes Gericht braucht drei Zeilen Text. Es gibt Fälle, in denen weniger mehr ist:

SituationEmpfehlung
Kinder-GerichteKurz und klar: „Nudeln mit Tomatensoße” — Kinder wollen keine Prosa
Sehr bekannte Gerichte„Wiener Schnitzel” braucht keine Herkunftsgeschichte. Jeder weiß, was es ist
Allergene/InhaltstoffeSachlich und korrekt, nicht blumig. „Enthält Gluten, Milch” — das ist eine Pflichtangabe, kein Verkaufstext
Tagesangebote auf TafelWenige Worte, große Schrift. Die Tafel wird im Vorbeigehen gelesen

Kartenstruktur: Weniger ist mehr — aber richtig weniger

Das Paradox der Auswahl

Die Psychologie nennt es „Choice Overload”: Zu viele Optionen führen dazu, dass Menschen entweder gar nicht wählen oder das Einfachste nehmen. In der Gastronomie heißt das: Der Gast bestellt das Günstigste oder das, was er kennt — nicht Ihr margenstarkes Signature Dish.

KategorieEmpfohlene AnzahlWarum
Vorspeisen4–6Mehr als 6: Gäste überspringen die Vorspeise komplett
Hauptgerichte6–8Der Sweet Spot. Genug Vielfalt, klare Orientierung
Desserts3–5Desserts werden impulsiv gewählt — kurze Liste steigert die Bestellrate
Getränke8–12 pro KategorieWein: 6–8 offene. Mehr brauchen nur Weinkarten

Die Kategorie-Reihenfolge

Traditionell: Vorspeise → Hauptgericht → Dessert → Getränke.

Besser (aus psychologischer Sicht):

PositionKategorieBegründung
1Signature Dishes / EmpfehlungenErste Kategorie bekommt die meiste Aufmerksamkeit
2VorspeisenGast hat schon ein Highlight gesehen, bestellt eher eine Vorspeise dazu
3HauptgerichteDas Herz der Karte
4Beilagen (separat)Separate Beilagen steigern den Durchschnittsbon um 2–4 €
5DessertsAm Ende, aber mit Beschreibung — nicht nur „Eis, Kuchen”

Rahmen und Hervorhebungen

TechnikWirkungRisiko
Farbiger Rahmen um ein Gericht+15–20 % Bestellrate für dieses Gericht — ideal für Gerichte, die durch Mischkalkulation die Gesamtmarge tragenMehr als 2 Rahmen pro Seite: Wirkung verpufft
„Empfehlung des Hauses”Starke Bestellwirkung, besonders bei ErstbesuchernMuss ehrlich sein. Wenn die Empfehlung das billigste Gericht ist, merkt der Gast das
Icons (vegetarisch, scharf, hausgemacht)Schnelle Orientierung, steigert die Bestellrate veganer/vegetarischer GerichteMehr als 4 verschiedene Icons: Überforderung
FotosIn Imbiss/Café positiv (+5–10 %). In gehobener Gastronomie negativFotos müssen professionell sein. Smartphone-Fotos schaden dem Image

Der Praxistest: Ihre Karte in 30 Minuten verbessern

Schritt 1: Margenanalyse (15 Minuten)

Bevor Sie Ihre Karte umgestalten, müssen Sie wissen, welche Gerichte sich lohnen. Nehmen Sie Ihre 10 meistverkauften Gerichte und berechnen Sie:

GerichtVerkaufspreisWareneinsatzDeckungsbeitragVerkäufe/MonatDB gesamt
Schnitzel18 €4,50 €13,50 €1201.620 €
Currywurst9 €2,10 €6,90 €2001.380 €
Rinderfilet32 €12,50 €19,50 €30585 €
Pasta Carbonara14 €2,80 €11,20 €1501.680 €

In diesem Beispiel: Die Pasta Carbonara bringt den höchsten Gesamtdeckungsbeitrag — aber sie steht wahrscheinlich irgendwo in der Mitte der Karte, ohne Hervorhebung. Das Schnitzel hat einen guten Einzeldeckungsbeitrag und hohe Verkaufszahlen — ein Star. Die Currywurst verkauft sich viel, bringt aber wenig pro Stück. Das Rinderfilet ist ein natürlicher Preisanker. Diese Analyse ist das Kernstück des Menu Engineering — die systematische Einteilung in Stars, Puzzles, Plowhorse und Dogs.

Schritt 2: Platzierung ändern (10 Minuten)

Nehmen Sie die zwei Gerichte mit dem höchsten Gesamtdeckungsbeitrag und platzieren Sie sie:

  • Margenbringer 1: Rechte Seite oben (oder Mitte bei Einseiter)
  • Margenbringer 2: Mit Rahmen oder „Empfehlung”-Markierung versehen
  • Preisanker: Oben in der Kategorie, gut sichtbar, aber ohne Hervorhebung
  • Selbstläufer: Unten in der Liste — sie werden ohnehin bestellt

Schritt 3: Beschreibungen überarbeiten (5 Minuten)

Wählen Sie Ihre 3 margenstarken Gerichte und schreiben Sie die Beschreibung um. Verwenden Sie mindestens zwei der fünf Hebel (Herkunft, Zubereitungsart, sensorische Sprache, Geschichte, Komposition).

Typische Fehler — und was sie kosten

FehlerGeschätzter UmsatzverlustLösung
Preisspalte rechts (Preislisten-Effekt)5–10 % auf den DurchschnittsbonPreise in den Fließtext integrieren
Zu viele Gerichte (>40 Positionen)8–12 % durch Choice OverloadAuf 28–35 reduzieren, Rest als Tagesangebot
Keine Beschreibungen15–27 % auf hervorgehobene GerichteSensorische Beschreibungen für Top-5-Gerichte
Margenstärkstes Gericht unten links10–20 % weniger Bestellungen dieses GerichtsIn den Blickverlauf verschieben
Gleiche Formatierung für alle Gerichte5–8 % Gesamtumsatz1–2 Gerichte hervorheben (Rahmen, Empfehlung)
,99-Preise in gehobener GastronomieImageschaden, schwer messbarGlatte Preise oder ,50 verwenden

Diese Woche noch umsetzen

  • Listen Sie Ihre 10 meistverkauften Gerichte auf und berechnen Sie den Deckungsbeitrag pro Gericht — welches bringt am meisten?
  • Prüfen Sie: Stehen Ihre Preise in einer Spalte rechts? Wenn ja, integrieren Sie sie in den Fließtext
  • Schreiben Sie für Ihre 3 margenstarken Gerichte eine beschreibende Zeile mit Herkunft, Zubereitungsart oder sensorischer Sprache
  • Platzieren Sie Ihr teuerstes Gericht oben in der Kategorie als Preisanker — und Ihren Margenbringer direkt darunter
  • Zählen Sie: Wie viele Gerichte hat Ihre Karte? Über 35? Dann streichen Sie die 5 mit dem niedrigsten Deckungsbeitrag

Wenn Sie nicht nur die Karte, sondern auch die Preise selbst anpassen möchten, lesen Sie weiter: Preise erhöhen in der Gastronomie — ohne Gäste zu verlieren.


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Häufig gestellte Fragen

Wie viel Umsatz bringt eine gut gestaltete Speisekarte?

Studien zeigen, dass allein beschreibende Gerichtstexte den Absatz einzelner Gerichte um bis zu 27 % steigern können. In Kombination mit Preisankern und strategischer Platzierung sind Umsatzsteigerungen von 10–15 % auf den Gesamtumsatz realistisch — ohne dass Sie etwas am Essen selbst ändern. Die Karte kostet nichts extra, bringt aber messbar mehr pro Gast.

Was ist ein Preisanker auf der Speisekarte und wie funktioniert er?

Ein Preisanker ist das teuerste Gericht in einer Kategorie — zum Beispiel ein Rinderfilet für 38 €. Es wird selten bestellt, aber es verändert die Wahrnehmung: Das Schnitzel für 19 € wirkt plötzlich vernünftig, obwohl es ohne den Anker als teuer empfunden würde. Der Anker sollte plausibel sein (kein absurder Fantasiepreis), gut sichtbar stehen und idealerweise oben in der Kategorie erscheinen. Ein zweiter Anker in einer anderen Kategorie (z. B. Vorspeisen) verstärkt den Effekt.

Soll ich Eurozeichen auf der Speisekarte weglassen?

Ja — und nein. Eine Cornell-Studie hat gezeigt, dass Gäste 8 % mehr ausgeben, wenn Preise ohne Währungssymbol stehen (also 19 statt 19 € oder 19,00 €). Der Grund: Das €-Zeichen aktiviert die Preissensibilität. In der gehobenen Gastronomie funktioniert das gut. In einem Imbiss oder einer Kantine wirkt es hingegen künstlich. Entscheidend ist: Preise nie in einer Spalte rechts auflisten — das macht die Karte zur Preisliste und Gäste vergleichen nur noch Zahlen statt Gerichte.

Wie viele Gerichte sollte eine Speisekarte maximal haben?

7 Gerichte pro Kategorie — darüber sinkt die Entscheidungsfreude. Bei mehr als 10 Optionen pro Kategorie steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Gäste das erstbeste oder das günstigste Gericht wählen, statt das margenstarke. Insgesamt sollte eine Speisekarte 28–35 Positionen haben. Das Paradox: Weniger Auswahl führt in der Gastronomie oft zu höherem Durchschnittsbon, weil die Gäste sich intensiver mit den einzelnen Gerichten beschäftigen.

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