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Saisonale Speisekarte kalkulieren: Spargel, Wild und Erdbeeren richtig bepreisen

Saisonale Kalkulation in der Gastronomie — Spargelzeit, Wildsaison, Erdbeeren und Pilze richtig kalkulieren, ohne am Wareneinsatz zu ersticken oder Gäste zu verprellen.

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Saisonale Speisekarte kalkulieren: Spargel, Wild und Erdbeeren richtig bepreisen

Mitte April. Der erste deutsche Spargel ist da. Der Lieferant ruft an: „12,80 pro Kilo, erste Ernte, super Qualität.” Der Koch sagt: „Nehmen wir.” Der Inhaber rechnet: 12,80 € Einkauf, 30 % Schälverlust, macht 18,30 € pro Kilo Nettoware. Für eine 250-Gramm-Portion Spargel als Beilage: 4,58 € Wareneinsatz — nur für den Spargel, ohne Hollandaise, ohne Kartoffeln, ohne Schinken.

Drei Wochen später kostet derselbe Spargel 6,50 € pro Kilo. Der Wareneinsatz pro Portion halbiert sich fast. Aber der Verkaufspreis auf der Karte ist derselbe.

Das ist die Herausforderung der saisonalen Kalkulation: Schwankende Einkaufspreise, hohe Zubereitungsverluste und Gäste, die trotzdem einen fairen Preis erwarten. Wer das sauber rechnet, verdient gut. Wer nach Gefühl kalkuliert, verschenkt Marge — oder schreckt Gäste ab.

Die vier großen Saisonen in der deutschen Gastronomie

Frühling (April–Juni)

ProduktSaisonEK-Spanne/kgSchäl-/PutzverlustNetto-EK/kg
Spargel (weiß, deutsch)Mitte April–24. Juni4,00–14,00 €25–35 %5,70–21,50 €
BärlauchMärz–Mai8,00–15,00 €10–15 %9,40–17,60 €
RhabarberApril–Juni2,50–5,00 €20–25 %3,30–6,70 €
Morcheln (frisch)April–Mai45,00–80,00 €15–20 %56,00–100,00 €
Erdbeeren (deutsch, Freiland)Mai–Juli4,00–12,00 €5–10 %4,40–13,30 €

Der Spargel-Sonderfall: Kein anderes Produkt schwankt so stark im Preis wie deutscher Spargel. Und kein anderes Produkt hat eine so hohe Gästeerwartung. „Spargelzeit” ist in Deutschland ein kulinarisches Ereignis — Gäste kommen gezielt wegen der Spargelkarte.

Sommer (Juli–September)

ProduktSaisonEK-Spanne/kgPutzverlustNetto-EK/kg
Pfifferlinge (deutsch)Juli–Oktober18,00–35,00 €15–25 %24,00–46,70 €
Steinpilze (frisch)August–Oktober25,00–50,00 €20–30 %35,70–71,40 €
Tomaten (regional, Freiland)Juli–September2,00–5,00 €5–10 %2,20–5,60 €
Zucchini (regional)Juni–September1,50–3,00 €5 %1,60–3,20 €
JohannisbeerenJuli–August5,00–10,00 €5 %5,30–10,50 €

Herbst (Oktober–November)

ProduktSaisonEK-Spanne/kgZubereitungsverlustNetto-EK/kg
RehrückenOktober–Januar28,00–38,00 €35–45 %50,90–69,10 €
WildschweinkeuleOktober–Februar12,00–18,00 €40–55 %21,80–40,00 €
HirschrückenOktober–Januar32,00–45,00 €35–45 %58,20–81,80 €
Kürbis (Hokkaido)September–November1,50–3,00 €15–20 %1,90–3,80 €
GrünkohlNovember–Februar1,50–3,00 €25–35 %2,30–4,60 €
MaronenOktober–Dezember6,00–12,00 €30–40 %10,00–20,00 €

Der Wild-Sonderfall: Die Zubereitungsverluste bei Wild sind enorm und werden systematisch unterschätzt. Ein Rehrücken am Knochen wiegt 1,2 kg. Nach Auslösen, Parieren und Garen bleiben 500–600 g Fleisch. Das muss in der Kalkulation stehen — nicht das Gewicht auf der Lieferantenrechnung.

Winter (Dezember–März)

ProduktSaisonEK-Spanne/kgPutzverlustNetto-EK/kg
SchwarzwurzelNovember–März4,00–7,00 €35–45 %7,30–12,70 €
RosenkohlOktober–März2,00–4,00 €15–20 %2,50–5,00 €
TopinamburNovember–März5,00–9,00 €15–20 %6,30–11,30 €
BlutorangenJanuar–April3,00–5,00 €30 % (Schale)4,30–7,10 €
ChicoréeOktober–April4,00–7,00 €10–15 %4,70–8,20 €

Kalkulationsstrategien für saisonale Karten

Strategie 1: Fixer Saisonpreis (Durchschnittskalkulation)

Sie setzen den Verkaufspreis auf Basis des erwarteten Durchschnittspreises der gesamten Saison.

Beispiel Spargel:

  • Saisonschnitt-EK: ca. 7,50 €/kg
  • Schälverlust 30 %: Netto-EK ca. 10,70 €/kg
  • Portion 250 g geschält: 2,68 € Wareneinsatz
  • Mit Hollandaise, Kartoffeln, Schinken: ca. 5,80 € Gesamt-WE
  • Verkaufspreis: 24,90 € → WE-Quote: 23,3 %

Vorteil: Einfach, planbar, keine Preisänderungen auf der Karte Risiko: In den ersten Wochen (teurer Spargel) ist die Marge dünn, am Ende (billiger Spargel) sehr gut. Funktioniert nur, wenn Sie die gesamte Saison durchhalten.

Strategie 2: Gleitender Preis (Tagespreis-Kalkulation)

Der Verkaufspreis wird an den aktuellen Einkaufspreis angepasst. Auf der Karte steht: „Spargel nach Tagespreis” oder der Preis wird wöchentlich angepasst.

Vorteil: Die Marge bleibt konstant, kein Risiko bei Preissprüngen Nachteil: Aufwändiger (wöchentliche Neuberechnung), Gäste mögen keine Preisüberraschungen

Empfehlung: Bei hochpreisigen Produkten (Wild, Morcheln, Steinpilze) funktioniert der Tagespreis gut — die Gäste erwarten Schwankungen. Bei Spargel ist ein fixer Saisonpreis sympathischer.

Strategie 3: Mischkalkulation (der Profi-Weg)

Der teure Saisonartikel wird durch margenstarke Begleiter querfinanziert.

Beispiel Wildkarte im Herbst:

GerichtWE pro PortionVerkaufspreisWE-Quote
Kürbissuppe mit Kürbiskernöl1,80 €9,90 €18,2 %
Hirschrücken mit Rotkohl, Spätzle12,50 €34,90 €35,8 %
Rehragout mit Preiselbeeren7,20 €24,90 €28,9 %
Maronen-Crème-brûlée1,90 €9,90 €19,2 %
KennzahlWert
Durchschnittlicher WE der Saisonkarte25,5 %
Deckungsbeitrag Kürbissuppe8,10 €
Deckungsbeitrag Hirschrücken22,40 €

Die Kürbissuppe hat wenig Wareneinsatz und hohen Deckungsbeitrag. Sie finanziert den teuren Hirschrücken mit. Wenn 60 % der Gäste die Suppe bestellen und 30 % den Hirschrücken, stimmt die Mischung.

Das Menu-Engineering-Prinzip: Jede Saisonkarte braucht mindestens ein margenstarkes Gericht (niedrige Kosten, hoher Beliebtheitsfaktor) und darf ein prestigeträchtiges Gericht mit dünner Marge haben. Die Gesamtrechnung muss stimmen. Wie Sie die Speisekarte systematisch kalkulieren und mit Menu Engineering optimieren, zeigt der separate Leitfaden.

Zubereitungsverlust: Der unterschätzte Faktor

Warum der Wareneinsatz auf dem Papier nicht stimmt

Die meisten Kalkulationen basieren auf dem Einkaufsgewicht. Aber zwischen Einkauf und Teller liegt eine Menge Abfall:

ProduktEinkaufsgewichtNach Putzen/SchälenNach GarenTeller
Spargel (weiß)1.000 g700 g (–30 %)650 g (–7 %)250 g/Portion
Rehrücken (am Knochen)1.200 g700 g (–42 %)600 g (–14 %)180 g/Portion
Pfifferlinge1.000 g800 g (–20 %)600 g (–25 %)80 g/Portion
Erdbeeren1.000 g920 g (–8 %)920 g (0 %)150 g/Portion
Schwarzwurzel1.000 g600 g (–40 %)550 g (–8 %)150 g/Portion

Der Pariertest

Bevor Sie ein saisonales Gericht auf die Karte setzen: Machen Sie einen Pariertest. Wiegen Sie das Rohprodukt, verarbeiten Sie es wie geplant, wiegen Sie die Tellerware. Dokumentieren Sie den Verlust. Kalkulieren Sie mit dem realen Verlust, nicht mit der Schätzung.

Beispiel: Zwei identische Rehrücken vom selben Lieferanten. Der eine ergibt nach Parieren 58 % Nettoware, der andere 52 %. Bei 35 €/kg Einkauf sind das pro kg Unterschied 3,70 € — bei 20 Portionen in der Woche über die gesamte Saison (12 Wochen) ein Unterschied von 888 €.

Saisonale Einkaufsstrategie

Timing ist Geld

PhasePreisniveauEmpfehlung
Saisonbeginn (erste 2 Wochen)HöchstpreisKleine Mengen, als „Vorboten” auf der Karte
Saisonhöhepunkt (Hauptwochen)TiefstpreisGroßeinkauf, Hauptangebot, höchste Marge
Saisonende (letzte 2 Wochen)SteigendAuslaufen lassen, letzte Angebote nutzen

Lieferantenbeziehung nutzen

Regionaler Einkauf hat in der saisonalen Küche einen doppelten Vorteil: kürzere Lieferwege (frischere Ware, weniger Verderb) und Verhandlungsspielraum bei Abnahmevereinbarungen. Besonders für saisonale Betriebsformen wie den Biergarten ist eine enge Zusammenarbeit mit regionalen Lieferanten existenziell. Ein Landwirt, dem Sie die gesamte Spargelsaison über 50 kg/Woche abnehmen, gibt Ihnen einen besseren Preis als der Großhändler, bei dem Sie sporadisch bestellen.

Die vier häufigsten Fehler bei saisonalen Karten

1. Kalkulation vom letzten Jahr übernehmen

Spargelpreise 2025 waren nicht die von 2026. Die Ernte hängt vom Wetter ab, die Energiekosten ändern sich, der Mindestlohn steigt. Jede Saison braucht eine neue Kalkulation mit aktuellen Einkaufspreisen. Wie Sie das in eine vorausschauende Saisonplanung mit Aktionskalkulation einbetten — inklusive Zeitplan für Spargel, Oktoberfest und Weihnachtsgeschäft — lesen Sie im separaten Leitfaden.

2. Zu viele saisonale Gerichte gleichzeitig

Fünf Spargelgerichte auf der Karte bedeuten fünf Mal Wareneinsatz-Risiko. Wenn der Spargel teurer wird, wird er gleichzeitig auf fünf Positionen teurer. Besser: 2–3 saisonale Gerichte, strategisch platziert (ein Vorspeise, ein Hauptgericht, ein Dessert).

3. Zubereitungsverlust nicht getestet

„Schwarzwurzeln haben 30 % Verlust” steht im Lehrbuch. In der Praxis sind es 35–45 %, je nach Qualität und Dicke. Der Unterschied kostet bei einem Monatsverbrauch von 20 kg zwischen 30 und 60 € — pro Produkt. Bei zehn saisonalen Produkten summiert sich das.

4. Saisonende verpassen

Die letzten Erdbeeren im Juli kosten 10 €/kg statt 5 €/kg — und schmecken nicht mehr so gut. Trotzdem stehen sie auf der Karte, weil niemand sie gestrichen hat. Rechtzeitig wechseln: Wenn der Preis um 50 % steigt oder die Qualität sinkt, ist die Saison vorbei. Gerade am Saisonende steigt auch der Schwund durch Verderb — ein Grund mehr, rechtzeitig umzustellen.

Diese Woche noch umsetzen

  • Listen Sie alle saisonalen Produkte auf, die Sie dieses Quartal verwenden — mit aktuellem Einkaufspreis
  • Machen Sie einen Pariertest für Ihr teuerstes Saisonprodukt — wie viel bleibt nach dem Putzen wirklich übrig?
  • Rechnen Sie die Mischkalkulation Ihrer Saisonkarte durch — trägt jedes Gericht zur Gesamtmarge bei?
  • Prüfen Sie: Wann haben Sie zuletzt die saisonalen Verkaufspreise an die aktuellen Einkaufspreise angepasst?
  • Sprechen Sie mit Ihrem regionalen Lieferanten über Saisonvereinbarungen — feste Abnahme gegen besseren Preis

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Häufig gestellte Fragen

Wie kalkuliert man Spargelgerichte in der Gastronomie?

Spargel schwankt im Einkauf zwischen 4,00 €/kg (Saisonhöhepunkt, Ende Mai) und 14,00 €/kg (Saisonbeginn Mitte April). Der Schälverlust beträgt 25–35 % — aus 1 kg Rohware werden 650–750 g essbare Stangen. Realer Wareneinsatz pro Portion (250 g geschält): 1,50–5,40 €. Die Kalkulation muss wöchentlich angepasst werden. Empfehlung: Fixen Verkaufspreis setzen, der auf dem Durchschnittspreis der Saison basiert (ca. 7,50 €/kg) — oder mit dem aktuellen Tagespreis arbeiten und die Karte entsprechend auspreisen.

Wie hoch ist der Wareneinsatz bei Wildgerichten?

Wildpreise sind stabiler als Spargelpreise, aber der Zubereitungsverlust ist enorm. Rehrücken: Einkauf 28–38 €/kg, nach Parieren bleiben 55–65 % (Wareneinsatz pro 180g-Portion: 7,70–12,40 €). Wildschweinkeule: Einkauf 12–18 €/kg, nach Parieren und Schmoren bleiben 45–55 % (Wareneinsatz pro 200g-Portion: 4,40–8,00 €). Entscheidend: Den Pariertest machen und den realen Portionsertrag dokumentieren — nicht die Lieferantenangabe übernehmen.

Lohnen sich saisonale Speisekarten finanziell?

Ja — wenn richtig kalkuliert. Saisonale Gerichte haben im Schnitt eine 15–25 % höhere Zahlungsbereitschaft der Gäste. Ein Spargel-Hauptgericht lässt sich für 22–28 € verkaufen, während das Standard-Hauptgericht bei 16–20 € liegt. Dazu kommen: höhere Gästefrequenz in der Saison (+10–20 %), PR-Effekt (Spargelkarte in lokalen Medien) und Differenzierung gegenüber Ketten. Der Schlüssel: Mischkalkulation — der teure Rehrücken wird durch die margenstarke Kürbissuppe querfinanziert.

Wie oft sollte die saisonale Karte wechseln?

Vier Hauptwechsel im Jahr (orientiert an den Leitsaisonen): Frühling (April–Juni: Spargel, Bärlauch, Rhabarber), Sommer (Juli–September: Beeren, Tomaten, Zucchini), Herbst (Oktober–November: Wild, Pilze, Kürbis, Kohl), Winter (Dezember–März: Wurzelgemüse, Zitrusfrüchte, Winterkohl). Einzelne Gerichte können innerhalb der Saison rotieren — z.B. wenn der Spargel zu teuer wird, kommt ein Bärlauch-Gericht. Wichtig: Jeder Kartenwechsel braucht eine neue Kalkulation.

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