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Mehrwegpflicht in der Gastronomie: Was der Umstieg wirklich kostet — und wo er sich rechnet

Mehrwegpflicht seit 2023, EU-Verschärfung ab 2026. Konkrete Kosten für RECUP, Vytal & Co., Bußgelder bis 100.000 €, und warum Mehrweg oft günstiger ist als Einweg.

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Mehrwegpflicht in der Gastronomie: Was der Umstieg wirklich kostet — und wo er sich rechnet

Freitagmittag, Ihre Theke brummt. Zwölf Bestellungen to go in der letzten Stunde, die Bowls stapeln sich in der Ausgabe. Dann steht ein Mann vom Ordnungsamt an der Tür. Er fragt nach Ihrer Mehrwegoption. Sie zeigen auf den Aufkleber am Tresen — „Gerne füllen wir in Ihren eigenen Behälter”. Er schüttelt den Kopf. Das reicht seit 2023 nicht mehr, sagt er. Und schreibt einen Bußgeldbescheid über 2.500 €.

Das Ärgerliche: Die meisten Gastronomen wissen, dass es eine Mehrwegpflicht gibt. Aber kaum jemand kennt die genauen Regeln — und noch weniger haben durchgerechnet, was der Umstieg tatsächlich kostet. Viele zahlen weiter für Einwegverpackungen, weil sie den Aufwand scheuen. Dabei ist Mehrweg in vielen Fällen nicht nur günstiger, sondern bringt sogar Kunden zurück — buchstäblich, weil die ihr Pfand abholen.

Die Rechtslage: Was Sie seit 2023 müssen

Seit dem 1. Januar 2023 gilt die Mehrwegangebotspflicht nach dem Verpackungsgesetz (VerpackG). Die Kernregel: Wer Speisen oder Getränke in Einwegkunststoff-Verpackungen to go verkauft, muss eine Mehrwegalternative anbieten.

Wer betroffen ist — und wer (noch) nicht

BetriebsgrößePflichtWas genau
Ab 5 Mitarbeiter oder >80 m²Aktive AngebotspflichtMehrwegalternative muss aktiv angeboten werden, gleiche Speise, kein Aufpreis
Unter 5 Mitarbeiter und ≤80 m²Passive DuldungspflichtMüssen kundeneigene Behälter befüllen, kein eigenes System nötig
LieferdiensteHinweispflichtMüssen auf der Website und in der App auf Mehrwegoption hinweisen

Achtung — was sich 2026 ändert:

Die EU-Verpackungsverordnung (PPWR) tritt am 12. August 2026 in allen EU-Mitgliedstaaten in Kraft. Sie erweitert die bestehenden Regeln erheblich:

  • Alle Einwegmaterialien betroffen — nicht mehr nur Kunststoff, sondern auch Pappe, Aluminium und beschichtetes Papier
  • Bisher waren Pappteller und Aluschalen von der Mehrwegpflicht ausgenommen. Das ändert sich.
  • Gastronomen, die bisher auf Pappbecher und Kartonschalen umgestiegen sind, um die Pflicht zu umgehen, müssen ab August 2026 trotzdem eine Mehrwegoption anbieten

Was bei Verstößen passiert

VerstoßBußgeld
Fehlender Hinweis auf Mehrwegoptionbis 10.000 €
Aufpreis für Mehrweg (verboten!)bis 10.000 €
Keine Mehrwegalternative angebotenbis 100.000 €

Die Kontrollen haben seit 2025 deutlich zugenommen. Besonders in Städten mit kommunaler Verpackungssteuer sind die Ordnungsämter aktiv.

Was Einweg Sie heute schon kostet

Bevor Sie über Mehrwegkosten nachdenken, lohnt sich ein Blick auf das, was Sie aktuell für Einweg ausgeben. Die meisten Gastronomen unterschätzen diesen Posten.

Typische Einwegkosten pro Stück:

VerpackungKosten (Einkauf)Einsatz
Kaffeebecher (Einweg, 300 ml)9–12 CentHeißgetränke to go
Deckel2–4 Cent
Suppenschale mit Deckel20–30 CentSuppen, Bowls
Menüschale (2-geteilt)25–35 CentMittagstisch to go
Besteckset (Holz)8–12 Cent
Tragetasche (Papier)6–10 Cent

Rechenbeispiel: Café mit 30 Heißgetränken to go am Tag

PostenRechnungJahreskosten
Becher + Deckel30 × 13 Cent × 300 Tage1.170 €
Rührstäbchen, Zucker-Tütenpauschal150 €
Entsorgung (gelber Sack, Restmüll)geschätzt200 €
Gesamt Einweg1.520 €

Rechenbeispiel: Bistro mit 30 Mahlzeiten to go am Tag

PostenRechnungJahreskosten
Menüschale30 × 30 Cent × 300 Tage2.700 €
Besteck (Holz)30 × 10 Cent × 300 Tage900 €
Servietten, Tütenpauschal250 €
Entsorgunggeschätzt350 €
Gesamt Einweg4.200 €

Diese Zahlen fehlen in der Preiskalkulation erstaunlich oft. Dabei sind es laufende Kosten, die mit jeder verkauften Portion anfallen.

Was Mehrwegsysteme kosten

Die gängigen Poolsysteme funktionieren alle ähnlich: Sie zahlen eine monatliche Gebühr, bekommen dafür Zugang zum System, und das Pfand ist ein durchlaufender Posten — Ihr Gast zahlt es, Sie leiten es weiter, bei Rückgabe fließt es zurück.

Die drei großen Anbieter im Vergleich

KriteriumRECUP / REBOWLVytalRELEVO
Monatliche Gebührab 31 €/Monatab 35 €/Monatab 25 €/Monat
Pfand Becher1 €kein Pfand (App-basiert)1 €
Pfand Schale5 €kein Pfand (App-basiert)5 €
FunktionsprinzipPfand-KreislaufApp-Ausleihe (14 Tage)Pfand-Kreislauf
Behälterkostenim System enthaltenim System enthaltenim System enthalten
Verbreitung (2026)>20.000 Ausgabestellen>5.000 Partner~2.000 Partner
BesonderheitGrößtes Netz in DACHKein Pfandhandling nötigKleinere Betriebe, flexibel

Jahreskosten im Direktvergleich

SzenarioEinweg/JahrMehrweg/JahrErsparnis
Café (30 Getränke/Tag)1.520 €372–540 €980–1.148 €
Bistro (30 Mahlzeiten/Tag)4.200 €372–540 €3.660–3.828 €
Imbiss (20 Mahlzeiten/Tag)2.800 €300–420 €2.380–2.500 €

Der Break-even liegt erstaunlich niedrig:

  • Heißgetränke: ab ca. 12 Becher to go pro Tag rechnet sich Mehrweg
  • Mahlzeiten: ab ca. 6 Schalen pro Tag rechnet sich Mehrweg

Die kommunale Verpackungssteuer — der stille Kostentreiber {#verpackungssteuer}

Seit Tübingen 2022 eine kommunale Verpackungssteuer eingeführt hat, ziehen immer mehr Städte nach. Das Bundesverfassungsgericht hat die Steuer im Januar 2025 für verfassungskonform erklärt — ein Signal an alle Kommunen.

StadtSeitSteuer pro EinwegverpackungSteuer pro Einwegbesteck
Tübingen01/20220,50 €0,20 €
Konstanz01/20250,50 €0,20 €
Freiburg01/20260,50 €0,20 €

Ausnahme Bayern: Das Bagatellsteuer-Verbot (seit Januar 2026) untersagt bayerischen Kommunen die Einführung einer Verpackungssteuer.

Was das in Zahlen bedeutet:

In einer Stadt mit Verpackungssteuer zahlt ein Bistro mit 30 Mahlzeiten to go pro Tag:

  • 30 × 0,50 € × 300 Tage = 4.500 € Steuer pro Jahr — zusätzlich zu den Verpackungskosten

Das Mehrwegsystem ist von der Steuer befreit. Die Ersparnis steigt damit auf über 8.000 € pro Jahr.

Hygiene und Haftung: Was Sie wissen müssen

Ein häufiges Argument gegen Mehrweg: „Was ist mit der Hygiene?” Die Antwort ist klar geregelt:

  • Poolsysteme (RECUP, Vytal, RELEVO): Der Gast bringt den Behälter zurück, Sie geben einen neuen aus der sauberen Charge aus. Sie waschen nicht selbst — die Reinigung läuft über das System.
  • Kundeneigene Behälter: Sie dürfen die Befüllung nur ablehnen, wenn der Behälter offensichtlich verschmutzt oder beschädigt ist. Die Haftung für die Sauberkeit des mitgebrachten Behälters liegt beim Kunden.
  • Ihr eigenes Mehrwegsystem: Wenn Sie eigene Pfandgefäße nutzen (z. B. Weckgläser), sind Sie für die Reinigung verantwortlich — Spülmaschinenreinigung bei mindestens 65 °C, Dokumentation im HACCP-Konzept.

Die häufigsten Fehler beim Umstieg

FehlerWas passiertLösung
Aufpreis für MehrwegVerboten laut VerpackG — Bußgeld drohtGleicher Preis wie Einweg, oder Rabatt bei Mehrweg (erlaubt)
Zu wenig Behälter vorrätigStoßzeiten ohne Mehrwegoption = VerstoßPuffer einplanen, besonders Freitag/Samstag
Kein Hinweis am Point of SaleKunden wissen nicht, dass Mehrweg existiertSichtbare Beschilderung, mündliche Ansprache durch Personal
Pfand falsch verbuchtPfand ist kein Umsatz — darf nicht besteuert werdenDurchlaufender Posten in der Buchhaltung, separates Konto
Einweg komplett abgeschafftManche Kunden wollen Einweg — Unmut, kein gesetzlicher Zwang zur AbschaffungBeide Optionen anbieten, Mehrweg aktiv kommunizieren

Schritt für Schritt: So gelingt der Umstieg

1. Bestandsaufnahme (1 Tag)

  • Wie viele To-go-Portionen verkaufen Sie pro Tag? (Getränke und Speisen getrennt zählen)
  • Was geben Sie aktuell für Einwegverpackungen aus? (Rechnungen der letzten 3 Monate prüfen)
  • Gibt es in Ihrer Stadt eine kommunale Verpackungssteuer?

2. Anbieter vergleichen (1 Woche)

  • Drei Angebote einholen (RECUP, Vytal, RELEVO oder regionales System)
  • Auf Vertragslaufzeit achten — manche binden Sie 24 Monate
  • Prüfen, welches System in Ihrer Umgebung bereits verbreitet ist (Rückgabestellen-Dichte)

3. Kasse anpassen (1 Tag)

  • Pfand als durchlaufenden Posten einrichten
  • TSE-Kasse muss Pfand korrekt ausweisen — Ihr Kassenanbieter hilft

4. Team schulen (1 Stunde)

  • Aktive Ansprache: „Darf es in Mehrweg sein?” — nicht warten, bis der Gast fragt
  • Pfandprozess erklären: Ausgabe, Rücknahme, Abrechnung
  • Hygiene bei mitgebrachten Behältern: wann ablehnen, wie dokumentieren

5. Kommunikation (laufend)

  • Hinweis an Theke, Speisekarte und Webseite
  • Lieferdienst-Profile aktualisieren (Lieferando, Wolt — Pflicht zur Angabe)
  • Instagram/Social Media: „Ab jetzt auch in Mehrweg” — kommt gut an

Mehrweg als Kundenbindung — der unterschätzte Effekt

Der finanzielle Nebeneffekt, den kaum jemand auf dem Schirm hat: Kunden mit Pfandbecher kommen zurück. Nicht wegen Ihres Kaffees (auch), sondern weil sie den Euro zurückwollen. Und wenn sie schon mal da sind, nehmen sie noch etwas mit.

RECUP-Daten zeigen: Die Rückgabequote liegt bei 95 % innerhalb von 14 Tagen. Das bedeutet, 95 % Ihrer To-go-Kunden kommen innerhalb von zwei Wochen mindestens einmal wieder vorbei. Das ist eine Kundenbindung, die kein Treueprogramm so effizient liefert.

Diese Woche noch umsetzen

  • Tägliche To-go-Stückzahlen eine Woche lang zählen (Getränke und Speisen getrennt)
  • Aktuelle Einwegkosten aus den letzten 3 Monatsrechnungen zusammenrechnen
  • Prüfen, ob Ihre Stadt eine Verpackungssteuer erhebt oder plant
  • Drei Mehrwegsystem-Anbieter kontaktieren und Angebote vergleichen
  • Pfandverbuchung mit Ihrem Steuerberater oder Kassenanbieter klären

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Häufig gestellte Fragen

Was kostet die Mehrwegpflicht für einen Gastronomiebetrieb?

Die reinen Systemkosten liegen bei 25–45 € pro Monat, je nach Anbieter und Vertragslaufzeit — bei RECUP/REBOWL beispielsweise ab 31 €/Monat. Das Pfand (1 € pro Becher, 5 € pro Schale) ist ein durchlaufender Posten, der Ihren Cashflow nicht belastet. In vielen Fällen ist das günstiger als die laufenden Einwegkosten: Ein Café mit 30 Heißgetränken to go am Tag spart mit Mehrweg rund 600 € im Jahr, ein Bistro mit 30 Mahlzeiten sogar über 1.500 €.

Welche Bußgelder drohen bei Verstößen gegen die Mehrwegpflicht?

Die Bußgelder staffeln sich nach Schwere: Einzelverstöße (z. B. fehlender Hinweis auf Mehrwegoption) kosten bis zu 10.000 €, systematische Nichteinhaltung (gar keine Mehrwegalternative angeboten) bis zu 100.000 €. Zuständig sind die kommunalen Ordnungsämter. Seit 2025 wird verstärkt kontrolliert — besonders in Städten mit kommunaler Verpackungssteuer wie Tübingen, Konstanz und Freiburg.

Gilt die Mehrwegpflicht auch für kleine Betriebe?

Betriebe mit weniger als 5 Mitarbeitern und höchstens 80 m² Verkaufsfläche sind von der aktiven Angebotspflicht befreit. Sie müssen allerdings Speisen und Getränke in vom Kunden mitgebrachte Behälter füllen, wenn dieser darum bittet. Ab August 2026 verschärft die EU-Verpackungsverordnung (PPWR) die Regeln weiter — auch für bisher ausgenommene Materialien wie Pappe, Aluminium und beschichtetes Papier.

Lohnt sich der Umstieg auf Mehrweg finanziell?

In den meisten Fällen ja. Die Einwegkosten für Becher (9–12 Cent/Stück) und Schalen (20–35 Cent/Stück) summieren sich schnell: Ein Bistro mit 30 Mahlzeiten to go pro Tag zahlt knapp 2.000 € im Jahr nur für Verpackung. Das Mehrwegsystem kostet 370–540 € pro Jahr. Der Break-even liegt bei etwa 12 Heißgetränken oder 6 Mahlzeiten pro Tag — die meisten Betriebe mit nennenswertem To-go-Geschäft liegen darüber.

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