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Weinprogramm kalkulieren: Aufschlag, Schankwein und Listenpreise richtig rechnen

Weinkalkulation in der Gastronomie — vom Einkaufspreis zum Kartenpreis. Aufschlagfaktoren, offener Ausschank, Deckungsbeitrag und 5 Fehler, die Marge kosten.

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Weinprogramm kalkulieren: Aufschlag, Schankwein und Listenpreise richtig rechnen

In Ihrer Küche wissen Sie auf den Cent genau, was eine Portion kostet. Sie kennen den Wareneinsatz jedes Gerichts, kalkulieren Beilagen mit und rechnen den Schwund ein. Aber fragen Sie sich mal: Wissen Sie, wie viel Marge Ihr Hauswein wirklich bringt?

Die meisten Gastronomen kalkulieren ihre Weine nach einer Methode, die sie irgendwann mal von jemandem übernommen haben. Einkaufspreis mal drei. Oder mal vier. Oder „so ungefähr wie das Restaurant nebenan”. Und dann wundern sie sich, dass die Getränkemarge nicht stimmt — oder dass der teure Barolo für 65 € auf der Karte steht, den nie jemand bestellt.

Weinkalkulation ist kein Bauchgefühl. Sie ist Handwerk. Und sie unterscheidet sich grundlegend von der Speisekalkulation.

Warum „Einkauf mal drei” nicht mehr funktioniert

Die alte Formel — Einkaufspreis multipliziert mit einem festen Faktor — hat ein fundamentales Problem: Sie behandelt jeden Wein gleich. Aber ein Gast, der einen Wein für 6 € einkauft und für 18 € auf der Karte sieht, denkt anders als ein Gast, der einen 20-€-Wein für 60 € sieht.

Das Problem mit dem starren Faktor

Einkaufspreis nettoFaktor × 3Kartenpreis brutto (inkl. 19 % MwSt)DeckungsbeitragGast-Wahrnehmung
3,00 €9,00 €10,71 €7,71 €„Fair, bestelle ich”
8,00 €24,00 €28,56 €20,56 €„Okay, wenn der Wein gut ist”
15,00 €45,00 €53,55 €38,55 €„Hmm, mal schauen”
25,00 €75,00 €89,25 €64,25 €„Nee, das ist mir zu viel”
40,00 €120,00 €142,80 €102,80 €„Unverschämt — den kauf ich im Laden für 50 €”

Der teure Wein wird nie bestellt. Der günstige Wein wird ständig bestellt, bringt aber kaum Deckungsbeitrag. Beides ist schlecht.

Die degressive Aufschlagmethode

Die moderne Weinkalkulation arbeitet mit sinkenden Aufschlagfaktoren bei steigendem Einkaufspreis — und einem steigenden Deckungsbeitrag in Euro.

Empfohlene Aufschlagfaktoren

Einkaufspreis nettoFaktorKartenpreis (netto)Kartenpreis bruttoDB pro FlascheDB in %
2,00–3,00 €4,0–5,08–15 €9,52–17,85 €6,52–14,85 €78–83 %
3,01–6,00 €3,0–3,59–21 €10,71–24,99 €7,71–18,99 €72–76 %
6,01–10,00 €2,5–3,015–30 €17,85–35,70 €11,85–25,70 €66–72 %
10,01–20,00 €2,0–2,520–50 €23,80–59,50 €13,80–39,50 €58–66 %
über 20,00 €1,8–2,236–44 €42,84–52,36 €22,84–32,36 €53–62 %

Das Prinzip: Der günstige Hauswein mit Faktor 4,5 bringt 7 € Deckungsbeitrag. Der Premium-Wein mit Faktor 2,0 bringt 25 €. Der Gast empfindet beide Preise als fair — und Sie verdienen an beiden.

Praxisbeispiel: Eine 5-Wein-Schankweinkarte

PositionEinkauf nettoFaktorKartenpreis (0,2 l)Kartenpreis (Flasche)DB/Flasche
Hauswein weiß (Pfalz Riesling QbA)2,80 €4,55,90 €24,90 €12,10 €
Hauswein rot (Württemberger Trollinger)3,20 €4,05,90 €24,90 €9,70 €
Weißburgunder (Baden)5,50 €3,07,50 €29,90 €11,40 €
Grauburgunder (Pfalz)6,00 €3,07,90 €32,90 €13,90 €
Rosé (Provence)7,50 €2,88,90 €34,90 €13,40 €

Schankwein: Ihr margenstärkstes Produkt

Offener Wein ist — richtig kalkuliert — das profitabelste Produkt auf Ihrer Karte. Profitabler als Cocktails. Profitabler als Bier. Profitabler als Ihre beste Vorspeise.

Die Grundrechnung

SchrittBerechnungErgebnis
Einkauf einer Flasche (0,75 l)4,50 € netto
Gläser pro Flasche (0,2 l, mit Schwund)750 ml ÷ 200 ml × 0,9 (Schwund)3,3 Gläser → kalkulieren Sie mit 3
Glaspreis auf der Karte6,90 € brutto
Erlös pro Flasche (3 Gläser)3 × 6,90 €20,70 € brutto
Erlös netto (÷ 1,19)20,70 € ÷ 1,1917,39 €
Deckungsbeitrag17,39 € – 4,50 €12,89 € pro Flasche
Aufschlagfaktor17,39 ÷ 4,503,9

Schwund einkalkulieren — der versteckte Kostentreiber

Wein ist verderblich. Offener Wein noch mehr. Eine angebrochene Flasche Weißwein hält im Kühlschrank mit Vakuumverschluss 2–3 Tage. Ohne Vakuum: einen Tag.

SchwundquelleTypischer VerlustJährliche Kosten (bei 3 Flaschen/Tag)
Einschenk-Verlust (Tropfen, Überfüllung)5–10 % pro Flasche250–500 €
Angebrochene Flaschen (nicht verkauft)1–3 Flaschen/Woche500–1.500 €
Bruch (Service, Lagerung)0,5–1 %80–160 €
Gesamt Weinschwund830–2.160 €/Jahr

Praxistipp: Investieren Sie in ein Weinkonservierungssystem (ab 200 € für Vakuumpumpen, ab 2.000 € für Argon-Systeme). Ein Argon-System zahlt sich ab 5 offenen Weinen auf der Karte innerhalb von 6–8 Monaten zurück — allein durch reduzierten Schwund.

Schankmaße: Was das Eichrecht vorschreibt

In Deutschland gelten für den offenen Weinausschank feste Schankmaße (Eichordnung). Sie dürfen nicht „ungefähr 0,15 l” ausschenken — es müssen geeichte Gläser sein.

SchankmaßÜbliches GlasTypischer Preis (Mittelsegment)Anmerkung
0,1 lProbier-/Degustationsglas4,50–6,50 €Gut für Weinproben, teurer pro Einheit
0,2 lStandard-Weinglas6,50–9,50 €Das Brot-und-Butter-Maß
0,25 lViertel (v.a. Süddeutschland, Österreich)7,50–10,50 €Regional üblich, Tradition „ein Vierterl”
0,5 lKaraffe14,90–19,90 €Guter Kompromiss für zwei Personen
0,75 lFlasche24,90–34,90 €Bestes Preis-Leistungs-Verhältnis für den Gast

Die Weinkarte als Verkaufsinstrument

Struktur, die verkauft

Eine Weinkarte, die nach Rebsorte sortiert ist, ist für Weinkenner gemacht. Die meisten Ihrer Gäste sind aber keine Weinkenner. Sie wollen wissen: „Welcher Wein passt zu meinem Essen?”

SortierungFür wenEffekt
Nach RebsorteWeinkennerProfessionell, aber einschüchternd
Nach RegionWein-InteressierteErzählt eine Geschichte, aber schwer zu navigieren
Nach GeschmacksprofilAlle Gäste„Leicht & frisch”, „Kräftig & würzig” — jeder findet sich zurecht
Nach Anlass/SpeiseCasual Dining„Zum Steak”, „Zum Fisch”, „Zum Aperitif” — einfach und hilfreich

Empfehlung für die meisten Restaurants: Sortierung nach Geschmacksprofil mit Speiseempfehlung. Der Kellner kann bei Bedarf Rebsorte und Region ergänzen.

Preisarchitektur auf der Karte

Position auf der KarteFunktionPreisbereich
Erster Wein (oben)Anker — setzt die ErwartungMittleres bis oberes Segment
Zweiter WeinBestseller — das meistverkaufte ProduktUnteres bis mittleres Segment
Letzter Wein (unten)Premium-Option für besondere AnlässeOberstes Segment
Hauswein (separat markiert)Einstieg — „wenn ich nicht weiß, was ich will”Günstigstes Segment

Die 5 teuersten Fehler bei der Weinkalkulation

Fehler 1: Gleiches Schankmaß für alle Weine

Ein kräftiger Rotwein bei 0,2 l im großen Glas wirkt dünn und enttäuschend. Bieten Sie bei schweren Rotweinen 0,1 l an — in einem passenden Glas wirkt die kleinere Menge edler, und Ihre Marge pro Liter steigt.

Fehler 2: Zu viele offene Weine

Jeder offene Wein ist ein Schwundrisiko. Mehr als 6 offene Positionen sind in den meisten Betrieben nicht wirtschaftlich, es sei denn, Sie haben ein Argon-System und einen Weindurchsatz von über 10 Flaschen pro Tag.

Fehler 3: Keine Weinkalkulation pro Glas

Viele Gastronomen kalkulieren den Flaschenpreis und leiten den Glaspreis anteilig ab. Das ist falsch. Der Glaspreis muss eigenständig kalkuliert werden — mit eingerechnetem Schwund, Service-Aufwand und dem Risiko, dass die Flasche nicht vollständig verkauft wird.

Fehler 4: Teure Weine mit gleichem Faktor kalkulieren

Ein Barolo für 25 € Einkauf × 3 = 75 € × 1,19 = 89,25 € auf der Karte. Kein Gast bestellt ihn. Mit Faktor 2,0 = 50 € × 1,19 = 59,50 € — deutlich realistischer. Und Ihr Deckungsbeitrag von 34,50 € ist immer noch höher als der Ihrer gesamten offenen Weinkarte pro Flasche.

Fehler 5: Wein nur als Nebenprodukt betrachten

In vielen Restaurants macht Wein 15–25 % des Umsatzes aus. Aber die Getränkemarge insgesamt liegt oft bei 65–75 % — gegenüber 55–65 % bei Speisen. Wein ist kein Beiwerk. Wein ist Ihr Margenbringer. Behandeln Sie ihn auch so.

Wein im Zusammenspiel mit der Gesamtkalkulation

Ihre Weinkalkulation steht nicht isoliert. Sie wirkt auf Ihre gesamte Deckungsbeitragsrechnung und Ihre BWA.

KennzahlNur SpeisenSpeisen + Wein (optimiert)
Durchschnittlicher Wareneinsatz28–32 %24–28 % (Wein drückt den Schnitt)
Deckungsbeitrag pro Gast12–18 €16–24 € (ein Glas Wein = 4–8 € DB extra)
Tischbon (Durchschnitt)22–28 €30–38 €

Ein Gast, der ein Glas Wein bestellt, bringt 4–8 € zusätzlichen Deckungsbeitrag — bei null zusätzlicher Küchenarbeit. Der Return on Investment eines durchdachten Weinprogramms ist höher als fast jede andere Maßnahme in Ihrem Betrieb.

Noch stärker wirkt Wein als Erlösquelle in Erlebnis-Formaten: Ein Wine & Dine-Abend mit Menü und Weinbegleitung bringt 50–55 € Deckungsbeitrag pro Gast — das Dreifache eines normalen Abendessens.

Diese Woche noch umsetzen

  • Einkaufspreise aller Weine auf der aktuellen Karte in eine Liste eintragen und den tatsächlichen Aufschlagfaktor berechnen
  • Schwund der letzten 4 Wochen schätzen: Wie viele angebrochene Flaschen wurden weggeschüttet?
  • Glaspreis für offene Weine eigenständig kalkulieren (nicht vom Flaschenpreis ableiten)
  • Prüfen, ob teure Weine (EK > 15 €) auf der Karte mit einem geringeren Faktor kalkuliert werden als günstige Weine
  • Einen Wein-Favoriten pro Speise auf der Karte definieren — als Empfehlung für den Service und die Karte

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Häufig gestellte Fragen

Wie hoch ist der übliche Weinaufschlag in der Gastronomie?

Der klassische Faktor liegt bei 3 bis 3,5 auf den Netto-Einkaufspreis — also ein Wein, der im Einkauf 4 € netto kostet, steht mit 12–14 € brutto auf der Karte. Dieser starre Faktor ist aber überholt. Moderne Kalkulation arbeitet mit degressiven Aufschlägen: günstige Weine (EK unter 3 €) mit Faktor 4–5, mittlere Weine (EK 5–10 €) mit Faktor 2,5–3, teure Weine (EK über 15 €) mit Faktor 1,8–2,5. Das Ziel: ein gleichmäßiger Deckungsbeitrag pro Flasche, nicht ein gleichmäßiger Prozentsatz.

Wie kalkuliert man offenen Wein (Schankwein) richtig?

Aus einer 0,75-l-Flasche bekommen Sie in der Praxis 4 Gläser à 0,15 l oder 3 Gläser à 0,2 l (es geht immer etwas beim Einschenken verloren). Die Faustregel: Der Preis eines einzelnen Glases sollte mindestens den Einkaufspreis der ganzen Flasche decken. Eine Flasche für 5 € Einkauf = mindestens 5 € pro 0,2-l-Glas. Bei 3 Gläsern pro Flasche ergibt das 15 € Gesamterlös — Faktor 3 auf den Einkauf. Schankwein ist das margenstärkste Produkt auf Ihrer Karte, wenn Sie richtig kalkulieren.

Lohnt sich eine Weinkaraffe oder lieber nur Glas und Flasche?

Die Karaffe (meist 0,5 l oder 0,25 l) ist aus Kalkulationssicht ein Zwischenschritt: günstiger pro Einheit als das Glas, aber teurer als die Flasche. Sie funktioniert gut, wenn Sie eine klare Staffelung haben — zum Beispiel 0,1 l = 5,50 €, 0,25 l = 11,90 €, 0,5 l = 19,90 €, Flasche = 28,90 €. Der psychologische Effekt: Die Flasche wirkt als bestes Preis-Leistungs-Verhältnis, und genau das wollen Sie — denn die Flasche hat den niedrigsten Personalaufwand (einmal öffnen vs. dreimal einschenken).

Wie viele Weine sollte eine Gastro-Weinkarte haben?

Für ein durchschnittliches Restaurant: 15–25 Positionen. Darunter 3–5 offene Weine (2 Weiß, 1–2 Rot, 1 Rosé), 8–12 Flaschenweine im mittleren Segment (12–35 €), 2–4 Premium-Positionen (über 40 €). Mehr als 30 Positionen binden Kapital und erhöhen den Schwund. Weniger als 10 wirken einfallslos. Die offenen Weine machen 50–70 % Ihres Weinumsatzes, die Flaschenweine 25–40 %, die Premium-Weine 5–10 % — aber die Premium-Weine sind für die Wahrnehmung entscheidend.

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