Ratgeber

Kühlkette und Temperaturprotokoll: Was das Gesundheitsamt wirklich kontrolliert

HACCP-Temperaturprotokoll für die Gastronomie — Grenzwerte, Dokumentationspflicht, Bußgelder bis 25.000 € und wie Sie digitale Logger unter 100 € einsetzen.

HACCP Gastronomie TemperaturprotokollKühlkette GastronomieTemperaturkontrolle RestaurantLebensmittelhygiene GastronomieHACCP Checkliste KücheGesundheitsamt Kontrolle Gastronomie
Auf dieser Seite

Kühlkette und Temperaturprotokoll: Was das Gesundheitsamt wirklich kontrolliert

Es ist Dienstagmorgen, 9:15 Uhr. Zwei Personen betreten Ihr Restaurant. Sie tragen keine Reservierung, sondern einen Dienstausweis. Lebensmittelkontrolle.

Das erste, was der Kontrolleur fragt — noch bevor er die Küche betritt, noch bevor er den Kühlschrank öffnet: „Können Sie mir Ihre Temperaturprotokolle der letzten drei Monate zeigen?”

Wenn Sie jetzt einen Ordner aufschlagen können, in dem tägliche Eintragungen stehen — sauber, vollständig, mit Datum und Unterschrift — dann haben Sie den wichtigsten Teil der Kontrolle schon bestanden. Wenn nicht, starten Sie mit einem Problem.

Warum Temperatur das Thema Nr. 1 bei Kontrollen ist

Das Gesundheitsamt kontrolliert viele Dinge: Sauberkeit, Schädlingsbekämpfung, Personalschulung, Allergen-Kennzeichnung. Aber nichts ist so schnell überprüfbar — und nichts wird so häufig beanstandet — wie die Temperaturdokumentation.

BeanstandungsgrundHäufigkeit (geschätzt)Typisches Bußgeld
Fehlende oder lückenhafte Temperaturprotokolle35–40 % aller Beanstandungen150–500 €
Kühltemperatur über dem Grenzwert20–25 %250–1.000 €
Fehlende Wareneingangskontrolle15–20 %200–800 €
Mangelhafte Reinigung und Desinfektion15–20 %300–1.500 €
Fehlende Personalschulung (§ 4 LMHV)5–10 %150–500 €
Schwere Verstöße (Gesundheitsgefahr)seltenbis 25.000 €, ggf. Betriebsschließung

Die Ironie: Temperaturprotokollierung ist die einfachste aller HACCP-Maßnahmen. 5 Minuten pro Tag. Aber es ist auch die am häufigsten vergessene.

Die Grenzwerte: Was im Kühlschrank welche Temperatur haben muss

Lagertemperaturen

LebensmittelMaximaltemperaturIdealtemperaturHaltbarkeit bei korrekter Kühlung
Hackfleisch, Tatar+2 °C0 bis +2 °CVerarbeitungstag, max. 24 h
Frisches Geflügel+4 °C0 bis +2 °C2–3 Tage
Frischfleisch (Rind, Schwein, Lamm)+4 °C+2 bis +4 °C3–5 Tage
Fisch, Meeresfrüchte+2 °C0 °C (auf Eis)1–2 Tage
Milchprodukte, Eier+8 °C+4 bis +6 °Claut MHD
Vorgegarte Speisen+7 °C+2 bis +4 °C2–3 Tage
Salate, geschnittenes Obst+7 °C+4 bis +6 °C1–2 Tage
Tiefkühlware−18 °C−18 bis −22 °Claut MHD

Temperaturen im Arbeitsprozess

ProzessschrittTemperaturvorgabeToleranzzeit
Wareneingang (Kühlware)max. +3 °C über SolltemperaturSofort prüfen, innerhalb 15 Min. einräumen
Auftauenim Kühlschrank bei +4 bis +7 °CÜber Nacht (12–24 h) — nie bei Raumtemperatur
Erhitzen (Kerntemperatur)mind. +72 °C für 2 Min.Sofort servieren oder heiß halten
Warmhaltenmind. +65 °Cmax. 3 Stunden
Abkühlenvon +65 auf +10 °Cinnerhalb 2 Stunden
Regenerierenmind. +72 °C KerntemperaturEinmal — nicht mehrfach erhitzen

Die Gefahrenzone

Zwischen +10 °C und +60 °C vermehren sich pathogene Keime am schnellsten. Jede Minute in dieser Zone reduziert die Lebensmittelsicherheit.

TemperaturbereichRisikoMaximale Verweildauer
+60 °C bis +10 °C (Abkühlen)Hoch — schnell durchlaufenmax. 2 Stunden
+37 °C (Körpertemperatur)Maximales KeimwachstumSo kurz wie möglich
+10 °C bis +4 °CGeringes WachstumLagertemperatur OK
unter +4 °CKeimwachstum weitgehend gestopptIdealbereich

Das Temperaturprotokoll: Was drinstehen muss

Pflichtangaben

Ihr Temperaturprotokoll — egal ob auf Papier oder digital — muss folgende Informationen enthalten:

AngabeBeispielWarum nötig
Datum08.02.2026Nachvollziehbarkeit
Uhrzeit08:15 UhrZeitpunkt der Messung
Kühlgerät (Bezeichnung)„Kühlschrank 1 — Fleisch”Zuordnung
Gemessene Temperatur+3,2 °CIst-Wert
Solltemperaturmax. +4 °CReferenz
Abweichung und Maßnahme„+6,8 °C → Thermostat korrigiert, nach 30 Min. bei +3,5 °C”Korrekturmaßnahme bei Überschreitung
Unterschrift / Kürzel„MK”Verantwortlichkeit

Wie oft messen?

SituationFrequenzWerkzeug
Kühlschränke (Lagerung)1 × täglich (morgens vor Arbeitsbeginn)Thermometer im Gerät oder Infrarot
Tiefkühltruhen1 × täglichAnzeigethermometer im Gerät
WareneingangBei jeder LieferungEinstichthermometer (kalibriert!)
Warmhaltung (Bufett, Bain-Marie)Alle 30–60 MinutenEinstichthermometer
Cook & Chill (Abkühlung)Beginn und EndeEinstichthermometer, Uhrzeit notieren

Digitale Logger: Was sie kosten, was sie bringen

Die Papierliste hat ein Problem: Sie dokumentiert nur den Moment, in dem jemand abliest. Was nachts um 3 Uhr passiert — wenn der Kompressor ausfällt — erfahren Sie erst morgens um 8 Uhr. Bis dahin ist die Ware im besten Fall grenzwertig, im schlechtesten Fall verdorben.

Vergleich: Papier vs. digitale Logger

KriteriumPapierprotokollDigitaler Logger
Anschaffungskosten~0 € (Vorlage drucken)30–80 € pro Sensor
Laufende KostenDruckkosten, Ordner0–5 €/Monat (Cloud, je nach Anbieter)
Zeitaufwand/Tag5–10 Min. pro Gerät0 Min. (automatisch)
Mess-Intervall1 × täglichalle 5–15 Minuten
Alarm bei ÜberschreitungKeiner — Sie merken es erst beim AblesenSofort per App/SMS
Nachts / WochenendeKeine ÜberwachungLückenlos
Bei Kontrolle vorzeigenOrdner mit handschriftlichen ListenPDF-Export, lückenlose Historie
ManipulationssicherheitNiedrig (Listen können nachträglich ausgefüllt werden)Hoch (automatische Zeitstempel)

Kosten-Nutzen-Rechnung

PositionKosten
3 WLAN-Sensoren (Kühlschrank, TK-Truhe, Kühltheke)150–240 € (einmalig)
Gateway / Hub0–50 € (oft im Sensor integriert)
Cloud-Abo (optional)0–60 €/Jahr
Investition Jahr 1150–350 €
Einsparung / Vermiedener SchadenBetrag
Zeitersparnis (10 Min/Tag × 300 Tage × 15 €/h)750 €/Jahr
1 vermiedener Kühlausfall (Warenverlust)500–2.000 €
1 vermiedenes Bußgeld (fehlende Dokumentation)150–500 €
Vermiedener Schaden pro Jahr1.400–3.250 €

Die Investition amortisiert sich mit dem ersten verhinderten Kühlausfall.

Worauf Sie beim Kauf achten sollten

FeatureWichtig?Begründung
WLAN-VerbindungJaDaten automatisch in die Cloud, kein manuelles Auslesen
Alarm per App + SMSJaApp allein reicht nicht — nachts schaut niemand aufs Handy
Akkulaufzeit > 1 JahrJaHäufiger Batteriewechsel = vergessene Sensoren
KalibrierbarJaKontrolleure fragen nach dem Kalibrierdatum
PDF-ExportJaFür die Vorlage beim Gesundheitsamt
Mehrere Sensoren pro AccountJaSie brauchen mindestens 2–3 Messpunkte
HACCP-konforme DokumentationJaNicht jeder Logger erfüllt die Anforderungen

Die Wareneingangskontrolle: 3 Minuten, die Sie absichern

Die Wareneingangskontrolle ist der kritischste Punkt der Kühlkette. Wenn die Ware bei der Anlieferung schon zu warm ist, hilft auch die beste Kühlung nichts mehr.

Checkliste Wareneingang

SchrittPrüfungWerkzeugDokumentation
1. Temperatur messenKerntemperatur bei Fleisch/Fisch, Oberflächentemperatur bei verpackter WareEinstichthermometerTemperaturliste Wareneingang
2. Optische KontrolleVerpackung intakt? Farbe normal? Geruch unauffällig?Augen, NaseVermerk bei Auffälligkeiten
3. MHD prüfenMindesthaltbarkeit ausreichend?Ware mit kurzem MHD kennzeichnen (First-in-First-out)
4. Sofort einräumenInnerhalb 15 Minuten in die Kühlung

Was tun bei Temperaturabweichung?

AbweichungMaßnahme
Kühlware +1–2 °C über SolltemperaturWare annehmen, sofort kühlen, zeitnah verbrauchen, dokumentieren
Kühlware +3 °C oder mehr über SolltemperaturWare zurückweisen, Reklamation beim Lieferanten, Protokoll
Tiefkühlware angetaut (über −15 °C)Ware zurückweisen — nie wieder einfrieren
Verpackung beschädigtWare zurückweisen — Kontaminationsrisiko

Kühlschrank-Organisation: Ordnung spart Geld

Die richtige Einordnung im Kühlschrank ist nicht nur Hygiene — sie verhindert auch Verderb und damit Warenverlust.

EbeneWas gehört hierhinWarum
ObenFertige Speisen, DessertsAm wärmsten — kein rohes Fleisch, das tropfen könnte
MitteMilchprodukte, Eier, KäseStabile Temperatur, kein Kreuzkontaminationsrisiko
UntenRohes Fleisch, Geflügel, FischAm kältesten — und wenn es tropft, kontaminiert es nichts darunter
GemüsefachObst, Gemüse, SalatGetrennt von tierischen Produkten

Grundregel: Rohes unter Gegartem. Immer. Ohne Ausnahme.

Was eine Kontrolle wirklich kostet — und was eine Vorbereitung wert ist

Szenario 1: Sie sind vorbereitet

AblaufDauerErgebnis
Kontrolleur fragt nach Temperaturprotokollen2 Min.Ordner/App vorzeigen — ✅
Kontrolleur prüft Kühlschrank-Temperaturen5 Min.Alles im Sollbereich — ✅
Kontrolleur fragt nach HACCP-Konzept3 Min.Vorhanden und aktuell — ✅
Stichprobe Wareneingangs-Dokumentation3 Min.Letzte 4 Wochen lückenlos — ✅
Gesamtdauer15–20 Min.Keine Beanstandung

Szenario 2: Sie sind nicht vorbereitet

AblaufDauerErgebnis
Kontrolleur fragt nach Temperaturprotokollen5 Min.„Machen wir immer, aber die Liste ist gerade nicht da…” — ❌
Kontrolleur misst Kühlschrank: +8,3 °C statt +4 °C5 Min.Sofortmaßnahme angeordnet — ❌
Kontrolleur fragt nach HACCP-Konzept5 Min.„Das hat mein Koch irgendwo…” — ❌
Gesamtdauer45–60 Min.Nachkontrolle in 4 Wochen, Bußgeld 500–1.500 €

Der Unterschied: 150 € für einen digitalen Logger — oder 1.500 € Bußgeld plus den Stress einer Nachkontrolle plus den Imageschaden, falls der Bericht öffentlich wird.

HACCP-Konzept: Was Sie als Minimum brauchen

Jeder Gastronomiebetrieb braucht ein schriftliches HACCP-Konzept. „HACCP” steht für Hazard Analysis and Critical Control Points — Gefahrenanalyse und kritische Kontrollpunkte.

Für die meisten kleinen bis mittleren Betriebe reicht ein pragmatisches Konzept mit diesen Elementen:

ElementInhaltUmfang
GefahrenanalyseWelche Risiken gibt es in Ihrem Betrieb? (Kühlung, Kreuzkontamination, Personalschulung)1–2 Seiten
Kritische Kontrollpunkte (CCPs)Wareneingang, Kühlung, Erhitzung, WarmhaltungListe mit Grenzwerten
ÜberwachungsmaßnahmenTägliche Temperaturkontrolle, WareneingangsprotokollChecklisten + Protokollvorlagen
KorrekturmaßnahmenWas tun bei Abweichung? (z. B. Ware entsorgen, Kühlgerät reparieren)Entscheidungsbaum
Personalschulung§ 4 LMHV: Jährliche Hygieneschulung, § 43 IfSG: Belehrung bei EinstellungSchulungsnachweise
DokumentationAufbewahrung aller Protokolle (mind. 2 Jahre)Ordner oder digitales Archiv

Ihr Steuerberater, Ihre IHK oder Ihre DEHOGA-Geschäftsstelle können Ihnen Vorlagen für Ihr HACCP-Konzept bereitstellen — oft kostenlos.

Diese Woche noch umsetzen

  • Temperaturprotokoll-Vorlage ausdrucken oder eine kostenlose HACCP-App installieren — und ab morgen täglich ausfüllen
  • Alle Kühlgeräte mit einem Thermometer prüfen: Zeigt das eingebaute Thermometer korrekt an? Nachmessen mit einem kalibrierten Einstichthermometer
  • Kühlschrank-Einordnung prüfen: Rohes Fleisch ganz unten? Fertige Speisen ganz oben?
  • HACCP-Ordner anlegen: Temperaturlisten, Wareneingangs-Checkliste, Reinigungsplan, Schulungsnachweise — alles an einem Ort
  • Prüfen, ob ein digitaler Logger für Ihren Betrieb sinnvoll ist — bei 2+ Kühlgeräten lohnt es sich fast immer

Wenn die Ware im Kühlschrank verdirbt, steigt Ihr Wareneinsatz — und zwar nicht, weil Sie schlecht kalkuliert haben, sondern weil Sie Geld wegwerfen. KitchenCost hilft Ihnen, jeden Euro im Blick zu behalten. Kostenlos im App Store.

Häufig gestellte Fragen

Wie oft muss ich die Temperatur im Kühlschrank dokumentieren?

Laut EU-Verordnung 852/2004 und der deutschen Lebensmittelhygiene-Verordnung (LMHV) müssen Temperaturen regelmäßig dokumentiert werden — die Praxis und die meisten Lebensmittelkontrolleure erwarten mindestens einmal täglich, idealerweise morgens vor Arbeitsbeginn. Tiefkühltruhen sollten ebenfalls täglich kontrolliert werden. Bei der Wareneingangskontrolle ist die Temperaturmessung bei jeder Lieferung gekühlter Ware Pflicht. Die Dokumentation muss mindestens 2 Jahre aufbewahrt werden. Viele Gesundheitsämter prüfen bei der Routinekontrolle zuerst die Temperaturlisten — fehlen sie, ist das ein sofortiger Abzug bei der Bewertung.

Welche Bußgelder drohen bei fehlender Temperaturdokumentation?

Bei Verstößen gegen die Lebensmittelhygiene-Verordnung drohen Bußgelder bis zu 25.000 €. In der Praxis liegen die Bußgelder bei fehlender Dokumentation zwischen 150 und 2.000 € pro Verstoß — je nach Schwere und ob es ein Erstverstoß ist. Bei wiederholten Verstößen oder konkreter Gesundheitsgefährdung kann das Gesundheitsamt den Betrieb vorübergehend schließen. Besonders teuer wird es, wenn bei einer Lebensmittelvergiftung keine Dokumentation vorliegt — dann haften Sie persönlich, und die Versicherung zahlt nicht.

Welche Temperaturen gelten für welche Lebensmittel?

Die wichtigsten HACCP-Grenzwerte: Kühlpflichtige Lebensmittel allgemein maximal +7 °C, Frischfleisch und Hackfleisch maximal +4 °C (Hackfleisch idealerweise +2 °C), Geflügel maximal +4 °C, Fisch und Meeresfrüchte maximal +2 °C (idealerweise auf Eis bei 0 °C), Milchprodukte maximal +8 °C, Tiefkühlware konstant -18 °C oder kälter. Bei der Warmhaltung müssen Speisen mindestens +65 °C haben. Der kritische Bereich zwischen +10 °C und +60 °C ist die 'Gefahrenzone', in der sich Keime am schnellsten vermehren — Lebensmittel sollten diesen Bereich so schnell wie möglich durchlaufen.

Lohnen sich digitale Temperaturlogger für kleine Gastro-Betriebe?

Ja — schon ab einem Kühlgerät. Einfache WLAN-Logger kosten 30–80 € pro Stück und messen automatisch alle 15 Minuten. Die Vorteile: 1) Sie sparen 5–10 Minuten tägliche manuelle Dokumentation pro Gerät. 2) Sie werden per App sofort alarmiert, wenn eine Temperatur den Grenzwert überschreitet — auch nachts oder am Wochenende. 3) Bei einer Kontrolle können Sie lückenlose digitale Protokolle vorzeigen. 4) Wenn ein Kühlgerät nachts ausfällt und Sie es erst morgens merken, ist die Ware oft verdorben — bei 3 Kühlgeräten kann ein einziger nächtlicher Ausfall 500–2.000 € an Warenverlust bedeuten. Ein Logger amortisiert sich mit dem ersten verhinderten Ausfall.

Jetzt kostenlos Rezeptkosten berechnen

Zutatenpreise eingeben und sofort Rezeptkosten, Marge und Verkaufspreis erhalten.