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Inventur Gastronomie: Wie Sie den Wareneinsatz wirklich kontrollieren

Inventur in der Gastronomie — Stichtagsinventur, permanente Inventur, Bewertung und warum viele Betriebe ihren tatsächlichen Wareneinsatz gar nicht kennen.

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Inventur Gastronomie: Wie Sie den Wareneinsatz wirklich kontrollieren

Der Wareneinsatz laut Kalkulation: 28 %. Der Wareneinsatz laut BWA: 34 %. Sechs Prozentpunkte Differenz — bei 30.000 € Nettoumsatz im Monat sind das 1.800 € im Monat, 21.600 € im Jahr. Wo ist das Geld hin?

Die Antwort kennt nur, wer Inventur macht. Und zwar richtig. Nicht die hektische Zählaktion am 31. Dezember, bei der zwischen Tiefkühltruhe und Weinkeller die Hälfte vergessen wird. Sondern eine systematische Bestandsaufnahme, die den tatsächlichen Verbrauch sichtbar macht.

Warum Inventur in der Gastronomie so wichtig ist

Die Wissenslücke

Die meisten Gastronomen kennen zwei Zahlen: ihren Umsatz (aus der Kasse) und ihren Einkauf (aus den Lieferantenrechnungen). Was sie nicht kennen: wie viel Ware tatsächlich im Betrieb liegt, wie viel davon verbraucht wurde und wie viel verschwunden ist.

Ohne Inventur sieht die Berechnung so aus:

Wareneinsatz = Einkauf des Monats

Das ist falsch. Richtig wäre:

Wareneinsatz = Anfangsbestand + Einkauf – Endbestand

Wenn Sie im Januar für 9.000 € einkaufen, aber am Monatsende 2.000 € mehr Ware im Lager haben als am Monatsanfang, dann war Ihr tatsächlicher Wareneinsatz nur 7.000 €, nicht 9.000 €. Ohne Inventur wissen Sie das nicht. Wie der Wareneinsatz in der Gastronomie korrekt berechnet wird, ist die Grundlage jeder Bestandskontrolle.

Schwund: Das unsichtbare Leck

SchwundursacheTypischer AnteilBeispiel
Überportionierung30–40 % des Schwunds20 g mehr Fleisch pro Portion × 80 Portionen/Tag
Verderb20–30 %Salat welk, Fisch über MHD, Sahne sauer
Nicht erfasster Eigenverbrauch10–20 %Personalessen, Probekochen, Verkostung
Diebstahl5–15 %Spirituosen, Fleisch, teure Zutaten
Fehlbuchungen5–10 %Falsch getippt, Storno vergessen, Freigetränke
Zubereitungsverlust (über Kalkulation)5–10 %Putz- und Garverlust höher als kalkuliert

In der Summe: 3–8 % des Umsatzes. Bei einem Betrieb mit 400.000 € Jahresumsatz sind das 12.000–32.000 € — und das meiste davon ist vermeidbar. Aber nur, wenn Sie wissen, dass es passiert. Konkrete Maßnahmen, wie Sie Schwund in der Gastronomie systematisch reduzieren, beginnen mit genau dieser Erkenntnis.

Inventurarten: Was für Ihren Betrieb passt

1. Stichtagsinventur

Was: Komplette Bestandsaufnahme an einem bestimmten Tag (typisch: 31.12. oder letzter Tag des Geschäftsjahres)

Pflicht für: Bilanzierende Betriebe (GmbH, UG, Einzelunternehmen ab 80.000 € Gewinn oder 800.000 € Umsatz)

Ablauf:

  1. Alle Lager, Kühlungen, Tresen und Vorräte systematisch erfassen
  2. Jede Position zählen, wiegen oder messen
  3. Angebrochene Gebinde schätzen (50 %, 25 %, 10 %)
  4. Bewertung zum Netto-Einkaufspreis
  5. Dokumentation aufbewahren (10 Jahre Aufbewahrungspflicht)

Dauer: 3–6 Stunden bei einem Restaurant mit 50 Plätzen (2–3 Personen)

Typische Fehler:

  • Tiefkühllager vergessen
  • Verbrauchsmaterial nicht erfasst (Öl, Gewürze, Reinigungsmittel)
  • Tresen und Bar nicht separat gezählt
  • Angebrochene Gebinde nicht bewertet

2. Permanente Inventur

Was: Fortlaufende Bestandsführung über das gesamte Jahr. Der Bestand wird bei jedem Wareneingang und -abgang aktualisiert.

Voraussetzung: Zuverlässiges Warenwirtschaftssystem. Jeder Eingang wird gebucht, jeder Abgang (Verkauf, Verbrauch) erfasst.

Vorteil: Sie wissen jederzeit, was im Lager liegt — und Abweichungen fallen sofort auf.

Nachteil: Hoher Pflegeaufwand. Wenn nicht jeder Warenausgang erfasst wird (und wann wird in der Küche schon jede Zwiebel gebucht?), stimmt der Bestand nicht.

Achtung: Bei permanenter Inventur müssen verderbliche und zerbrechliche Waren (also fast alles in der Gastronomie) trotzdem körperlich gezählt werden. Das Finanzamt akzeptiert für Lebensmittel keine reine Buchbestandsführung.

3. Vereinfachte Monatsinventur (Empfehlung)

Was: Monatliche Zählung der Top-20-Artikel nach Wert. Nicht den gesamten Bestand — nur die Positionen, die 80 % des Wareneinsatzes ausmachen.

Typische Top-20-Kategorien:

KategorieWarum wichtigSchwundrisiko
Fleisch (Rind, Schwein, Geflügel)Hoher WarenwertHoch (Überportionierung, Verderb)
Fisch und MeeresfrüchteSehr hoher WarenwertSehr hoch (kurzes MHD)
SpirituosenHoher Warenwert, leicht entwendbarHoch (Schwund, Eigenverbrauch)
Wein (offen, nach Flaschen)Hoher WarenwertMittel (Korkverlust, Eigenverbrauch)
Käse (Hartkäse, Weichkäse)Hoher WarenwertMittel (Verderb, Schnittabfall)
Speiseöl / ButterHoher VerbrauchMittel (Überverbrauch)
Milchprodukte (Sahne, Milch)Kurzes MHDHoch (Verderb)
Kaffee (Bohnen)Hoher Warenwert pro kgNiedrig

Dauer: 45–90 Minuten pro Monat (1 Person)

Der Clou: Wenn Sie die Top-20 monatlich erfassen, sehen Sie Abweichungen sofort — und können reagieren, bevor aus 3 % Schwund 8 % werden.

So funktioniert die Inventur praktisch

Vorbereitung (der Teil, den alle überspringen)

  1. Inventurliste erstellen: Alle Lagerorte systematisch erfassen (Trockenlager, Kühlhaus, Tiefkühler, Tresen, Bar, Weinkeller, Reinigungsmittel)
  2. Kategorien definieren: Lebensmittel, Getränke (alkoholisch/nicht-alkoholisch), Verbrauchsmaterial, Reinigungsmittel
  3. Einheiten festlegen: kg, Liter, Stück, Flaschen — und für jede Position die gleiche Einheit wie beim Einkauf verwenden
  4. Einkaufspreise bereithalten: Letzte Rechnung jedes Lieferanten griffbereit

Durchführung

Zwei-Personen-Prinzip: Einer zählt, einer schreibt. Nicht umgekehrt. Und nicht dieselbe Person für beides.

Reihenfolge: Immer die gleiche Route durch den Betrieb. Von links nach rechts, von oben nach unten, Regal für Regal. Wenn Sie die Reihenfolge jedes Mal ändern, vergessen Sie etwas.

Angebrochene Gebinde:

  • Flasche (Spirituosen, Öl): visuell in Vierteln schätzen (voll, ¾, ½, ¼)
  • Kiste (Obst, Gemüse): nach Gewicht oder Stückzahl
  • Eimer (Soßen, Marinaden): wiegen
  • Beutel (Mehl, Reis): wiegen

Bewertung

SituationBewertung
Neuware, ungeöffnetNetto-Einkaufspreis (letzte Rechnung)
Angebrochenes GebindeAnteilig (50 % Inhalt = 50 % Preis)
Preisänderung seit EinkaufNiederstwertprinzip (niedrigerer Preis)
Abgelaufen, aber noch nutzbarVoller Preis (wenn Sie es noch verwenden)
Verdorben, nicht mehr nutzbar0,00 € (abschreiben)
Selbsthergestellte Ware (Soßen etc.)Materialkosten der Zutaten

Soll-Ist-Vergleich: Wo das Geld verschwindet

Die Formel

Ist-Wareneinsatz = Anfangsbestand + Einkäufe – Endbestand

Soll-Wareneinsatz = Σ (verkaufte Portionen × kalkulierter Wareneinsatz pro Portion)

Schwund = Ist-Wareneinsatz – Soll-Wareneinsatz

Beispiel: Monat Januar

PositionBetrag
Anfangsbestand (1. Januar)8.200 €
Einkäufe Januar11.400 €
Endbestand (31. Januar)7.800 €
Ist-Wareneinsatz11.800 €
Nettoumsatz Januar38.000 €
Ist-Wareneinsatzquote31,1 %
PositionBetrag
Verkaufte Portionen × kalkulierter WE10.640 €
Soll-Wareneinsatzquote28,0 %

Differenz: 1.160 € (3,1 Prozentpunkte)

Wo sind die 1.160 € geblieben?

UrsacheGeschätzter AnteilBetrag
Überportionierung (Fleisch, Käse)35 %406 €
Verderb (Gemüse, Milchprodukte)25 %290 €
Personalessen (nicht erfasst)20 %232 €
Fehlbuchungen / Stornos12 %139 €
Sonstiges (Probekochen, Bruch)8 %93 €

Das ist kein Drama — 3 % Schwund ist Branchendurchschnitt. Aber 1.160 € im Monat sind 13.920 € im Jahr. Davon lassen sich realistisch 40–60 % einsparen. Das sind 5.500–8.400 €. Für eine Maßnahme, die 45 Minuten im Monat kostet.

Inventur und Finanzamt

Was das Finanzamt erwartet

Bei einer Betriebsprüfung in der Gastronomie prüft das Finanzamt den Wareneinsatz besonders genau — die Gastronomie gehört zu den „bargeldintensiven Branchen” mit erhöhter Prüfungswahrscheinlichkeit.

Was hilft:

  • Nachvollziehbare Inventurlisten (Datum, Zähler, Positionen, Preise)
  • Lückenlose Einkaufsbelege
  • Plausible Wareneinsatzquoten (nicht zu niedrig — das weckt Misstrauen)
  • Dokumentierte Schwundursachen (Verderb-Protokolle, Bruchberichte)

Was schadet:

  • Keine Inventur bei Bilanzierungspflicht (→ Schätzung durch das Finanzamt, meist ungünstig)
  • Wareneinsatzquoten, die stark von Branchenrichtwerten abweichen
  • Fehlende Belege für Eigenverbrauch und Personalessen

Die Schätzungsgefahr

Wenn das Finanzamt den Wareneinsatz nicht nachvollziehen kann, schätzt es. Die Schätzung orientiert sich an Richtwerten der Finanzverwaltung — und die sind für die Gastronomie veröffentlicht. Liegt Ihr gemeldeter Wareneinsatz deutlich unter dem Richtwert, wird eine Hinzuschätzung beim Umsatz vorgenommen. Das kann teuer werden.

Diese Woche noch umsetzen

  • Listen Sie die 20 teuersten Zutaten auf — das sind Ihre Inventur-Prioritäten
  • Machen Sie eine erste Bestandsaufnahme dieser Top-20: wie viel liegt wo?
  • Vergleichen Sie den Wareneinsatz laut BWA mit dem kalkulierten Soll-Wareneinsatz — wie groß ist die Differenz?
  • Führen Sie ein einfaches Schwund-Protokoll ein: Was wird heute weggeworfen? Warum?
  • Planen Sie die erste Monatsinventur — Termin festlegen, Inventurliste vorbereiten, Person benennen

KitchenCost berechnet den Soll-Wareneinsatz für jedes Rezept — exakt, nach Zutaten und aktuellen Einkaufspreisen. Wenn Sie wissen, was ein Gericht kosten soll, können Sie per Inventur vergleichen, was es tatsächlich kostet. Die Differenz zeigt, wo Sie ansetzen müssen. Kostenlos im App Store.

Häufig gestellte Fragen

Muss man in der Gastronomie eine Inventur machen?

Nur wenn Sie bilanzierungspflichtig sind (GmbH, UG, oder Einzelunternehmen/Personengesellschaft ab 80.000 € Gewinn oder 800.000 € Umsatz). Kleinere Betriebe mit EÜR haben keine gesetzliche Inventurpflicht. Trotzdem ist eine regelmäßige Bestandsaufnahme dringend empfohlen — ohne Inventur wissen Sie nicht, ob Ihr tatsächlicher Wareneinsatz mit dem kalkulierten übereinstimmt. Die Differenz liegt in der Gastronomie typischerweise bei 3–8 %.

Wie oft sollte man in der Gastronomie Inventur machen?

Mindestens einmal im Jahr (Stichtagsinventur zum Geschäftsjahresende). Besser: monatlich eine vereinfachte Inventur der Top-20-Artikel (80/20-Regel — 20 % der Artikel machen 80 % des Wareneinsatzes aus). Die Top-Kategorien Fleisch, Fisch, Alkohol und Milchprodukte sollten Sie sogar wöchentlich kontrollieren — dort ist der Schwund am größten.

Wie bewertet man den Warenbestand bei der Inventur?

Zum Netto-Einkaufspreis (ohne Mehrwertsteuer). Bei schwankenden Preisen gilt das Niederstwertprinzip: der niedrigere Wert aus Anschaffungskosten und aktuellem Marktwert. Angebrochene Gebinde werden anteilig bewertet (z.B. halbe Flasche Olivenöl = 50 % des Einkaufspreises). Ware, die nicht mehr verkaufsfähig ist (abgelaufen, verdorben), wird mit 0 € bewertet.

Was ist der Unterschied zwischen Soll- und Ist-Wareneinsatz?

Der Soll-Wareneinsatz errechnet sich aus den Rezepturen und den verkauften Mengen (was laut Kalkulation hätte verbraucht werden müssen). Der Ist-Wareneinsatz ergibt sich aus der Inventur: Anfangsbestand + Einkäufe – Endbestand. Die Differenz ist der Schwund — also Diebstahl, Verderb, Überportionierung und nicht erfasster Eigenverbrauch. In der Gastronomie liegt diese Differenz typischerweise bei 3–8 %.

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